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Bachelorarbeit: Mikroblogging als neue Kommunikationsform für soziale Bewegungen, NGO’s und Gewerkschaften

Friday, October 2nd, 2009

Aufgrund der Verfassung meiner Bachelorarbeit ist es auf diesem Blog etwas ruhiger zugegangen. Hier sind die Früchte meiner Arbeit ;)

Das Inhaltsverzeichis:

Einleitung 1

2 Mikroblogging als Kommunikationsform 3

2.1 Struktur von Mikroblogs 3

2.2 Fähigkeiten von Mikroblogs 4

2.3 Die Logik(en) von Mikroblogging 5

2.4 Mundpropaganda 2.0: Mikroblogging als Longtail vernetzter Mikroöffentlichkeiten 8

3 Mikroblogging-Dienste und -Systeme 10

3.1 Twitter.com – der populärste Mikrobloggingdienst 10

3.2 StatusNet und identi.ca – die freie Alternative 12

4 Anwendungsbeispiele von Mikroblogging 13

4.1 Gesellschaftliche Ereignisse 13

4.1.1 G20-Proteste in London 13

4.1.1.1 Hintergrund 13 4.1.1.2 Nutzung von Mikroblogs 13

4.1.1.3 Besonderheiten und Diskurse 15

4.1.2 Unruhen in Moldawien 2009 16

4.1.2.1 Hintergrund 16

4.1.2.2 Die Nutzung von Mikroblogs 16

4.1.2.3 Besonderheiten und Diskurse 17

4.1.3 Die Wahlen im Iran 19

4.1.3.1 Hintergrund 19

4.1.3.2 Nutzung von Mikroblogs 20

4.1.3.3 Diskurse und Besonderheiten 22

4.1.4 #hessmob09 und #antimob09 am 17.08.2009 24

4.1.4.1 Hintergrund 24 4.1.4.2 Nutzung von Mikroblogs 25

4.1.4.3 Diskurse und Besonderheiten 26

4.2 Systematisierung der Anwendungsgebiete 27

4.2.1 Schaffung von Öffentlichkeit 27

4.2.1.1 Bürgerjournalismus 27

4.2.1.1.1 Echtzeit-Berichterstattung 27

4.2.1.1.2 Gegenöffentlichkeit 28

4.2.1.1.3 Echtzeitsuche und Recherche 29

4.2.1.1.4 Wahlmonitoring 30

4.2.1.2 Monitoring von AktivistInnen 30

4.2.1.3 Mobilisierung 31

4.2.1.4 Social-Media-Kampagne 32

4.2.1.5 Presse und Öffentlichkeitsarbeit 32

4.2.2 Koordinierung von kollektiven Handlungen und Selbstorganisation 33

4.2.2.1 Humanitärer Bereich 34 4.2.2.2 Politischer Bereich 34

4.2.3 Crowdsourcing 35

4.2.3.1 Wissen 36

4.2.3.2 Fundraising 37

4.2.4 Feedbackkanal für Kampagnen, Organisationen und Veranstaltungen 38

4.2.5 Vernetzung 39

5 Risiken und Gefahren 40

5.1 Ausfall und Zensur 40

5.2 Propaganda und Desinformation 41

5.3 Verfolgung und Repression 43

5.4 Identitätsdiebstahl 45

5.5 Betrug und Kommerzialisierung 45

5.6 Strategisches Versagen 46

6 Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Einführung von Mikroblogging 47

7 Perspektiven 50

7.1 Technisch 50

7.2 Emanzipatorisch 51

Hier ist die BA-Arbeit als PDF-Dokument: mikroblogging_soziale-bewegungen_ba-luthmann_cc

Creative Commons License
Mikroblogging als neue Kommunikationsform für soziale Bewegungen, NGO’s und Gewerkschaften von Timo Luthmann steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Analyse von Mikroblogging-Aktivitäten bei der Gegenmobilisierung zum Naziaufmarsch am 14.02.2009 in Dresden

Saturday, February 28th, 2009

Was ist in Dresden passiert?

Am 13.02. und 14.02.2009 versammelte sich mindestens 6000 Nazis in Dresden, um dort den Jahrestag und die Gedenkveranstaltungen zur Bombardierung Dresdens für ihre revanchistischen Zwecke zu instrumentalisieren. Dabei gab es eine breite Gegenmobilisierung um das bürgerliche Bündnis „geh denken“ mit 7500 TeilnehmerInnen und das autonome Bündnis „no paserán!“ mit 4000 Menschen auf den jeweiligen Demonstrationen. Umfassende Hintergrundinformationen, Links und Bilder zu den Geschehnissen gibt es auf indymedia und ein Pressespiegel auf geh denken.

Die Mikroblogging-Aktivitäten im Zusammenhang mit der Gegenmobilisierung in Dresden

In dieser Analyse werden nur die Mikroblognachrichten unter aktivistischen Gesichtspunkten am 14.02.2009 von den Gegenaktivitäten berücksichtigt. Davor wurde recht viel auch über Mikroblogs und insbesondere über Twitter mobilisiert und nach den Demonstrationen gab es viele reflektierende Posts, insbesondere als die Naziübergriffe bekannt wurden.

Nazis nutzen derzeit die öffentliche Kommunikationsform des Mikrobloggens im Gegensatz zur Zivilgesellschaft nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es ist mir nur ein Nazimikroblog bekannt, welches als Linkschleuder dient, jedoch auch nicht mobil mikroblogt und nicht über nennenswertes Netzwerk verfügt.

Der Aggregator-Account @aktionsnews

Der Account @aktionsnews hat die ganze Zeit während der Gegenaktivitäten sowie davor und danach Nachrichten aus verschiedenen Quellen gesammelt und bei den Mikroblogging-Plattformen twitter.com und mikro.mensch.coop veröffentlicht. Dabei waren die Account-BetreiberInnen nicht vor Ort, sondern es wurden das Aktionsradio coloRadio aus Dresden, der WAP-Ticker von gehdenken, sowie verschiedene Mikroblogs ausgewertet und mit Angabe der Quelle weiterveröffentlicht. Zur Auswertung der Mikroblogs wurde die Mikroblogsuchmaschine Twingly benutzt und nach verschiedensten Schlagwörtern permanent durchsucht. Dabei war die Trefferquote recht hoch. Lediglich ein paar lokale Mikroblognachrichten sind nicht erfasst worden, da sie keine Tags/Schlagwörter verwendet hatten. Interessant ist, das der Account von mehreren Menschen betrieben wurde, die sich in Schichten aufgeteilt hatten und alle über keine Mikroblogging-Erfahrung verfügten, jedoch recht schnell mit dem Medium umgehen konnten.

Der Account wurde lediglich 2 Tage vor den Aktionen eingerichtet und wurde fast nicht beworben. Ebenfalls war er nicht auf Indymedia verlinkt wie z.B. der Mikroblog zum Castortransport @castor08. Deswegen waren die AbonnentInnenzahlen bis zum Schluss recht bescheiden, obwohl der Account wohl der aktuellste Ticker von den Gegenaktivitäten war.

Die Mikroblogging-AktivistInnen – das organisierte KorrenspondentInnennetz

Es gab in Dresden nicht mehrere koordinierte MikrobloggerInnen, sondern nur einzelne Aktive. Dabei waren auch nur ein Teil der Menschen, die dezidiert von den Aktionen bloggen wollten erfolgreich. Dazu zählt z.B. @demoscout und @copista, wobei @copista auch zu den lokalen MikrobloggerInnen gezählt werden kann. Der Account @dresden09, welche dem no_paserán-Spektrum zugeordnen ist, und einzig zur dortigen Berichterstattung eingerichtet wurde, sendete direkt von den Aktionen nur 2 Kurznachrichten, wobei die letzte Nachricht von Kesselung durch die Polizei die Rede ist. Es sind nicht die genauen Gründe klar, warum sie nicht mehr Nachrichten geschrieben haben, nur soviel, dass sie technisch dazu in der Lage waren mobil zu bloggen und auch an Aktionen beteiligt waren. Laut der Erfahrungen von @demoscout ist Mikroblogging recht zeitaufwendig. Vielleicht wurde dies von @dresden09 unterschätzt. So berichtet der Mikroblogger @aprosdokese, das mangelnde Erfahrung im mobilen Mikrobloggen, die relativ langen Zugriffs- und Schreibzeiten in Kombination mit dem stressigen Umfeld ihn vom Mikrobloggen abgehalten habe.

Außerdem ist waren mindestens zwei JournalistInnen @dermarcus71 und @rakeeede vor Ort, die auch mit 3G-Handys ausgestattet waren und auch sonst mikrobloggen. Da sie nur eine bzw. keine Kurznachricht veröffentlicht haben denke ich, dass sie dies wegen ihrer journalistischen Tätigkeit nicht nebenbei umfangreicher tun konnten.

Generell sehe ich Mikroblogging als ein eigenes medienaktivistischen Tätigkeitsfeld vergleichbar mit den AktivistInnenbild der VideoaktivistIn an. Nebenbei läuft aktionsmäßig nichts, sondern Konzentration ist gefragt. Dies kann dann jedoch recht produktiv sein, wie der Account @demoscout beweist. Ziel muss es sein vorher für (größere) Demonstrationen und Aktionen ein verbindliches Netz von Mikroblogging-AktivistInnen zu organisieren, wodurch die Informationssituation für die anderen AktivistInnen wesentlich verbessert werden kann. Wichtig ist hier nicht unbedingt eine große Anzahl von MikrobloggerInnen, sondern Zuverlässigkeit und sinnvolle Koordinierung, z.B. das alle nicht von nur einem Punkt berichten, sondern sie geografisch schlau verteilt sind!

Die lokalen MikrobloggerInnen – das ad-hoc KorrenspondentInnennetz

Lokale Mikroblogger sind eine Größe! Von den mindestens 11 aktiven Vor-Ort-MikrobloggerInnen sind acht lokale gewesen, wie z.B. @woody_b, @elbflorenz, @copista, @h34d, @hergest, @beanieboi und @DonGomez. Die meisten verwertbaren Informationen kamen jedoch von Mikroblogging-AktivistInnen, aber ein Teil der Mikroblogginginformationen im Aggregatoraccount @aktionsnews kamen auch von lokalen MikrobloggerInnen. Interessant ist das sieben der acht lokalen MikrobloggerInnen ein iPhone benutzen. Auch haben die lokalen MikrobloggerInnen viele Fotos gemacht, die zwar Atmosphäre vermittelten, aber an sich nicht brauchbare Aktionsinfos waren.

Interessant ist es, wenn lokalen MikrobloggerInnen mit den mit den beiden gegensätzlichen Theorieansätzen einerseits der “pothole theory of digital activism” von Erik Hersman, das Ortsbezogenheit der Schlüssel zu Crisis Reporting ist und anderseits Ethan Zuckerman’s “cute cat theory of digital activism”, wonach Verfügbarkeit als Schlüsselfaktor zu sehen ist, analysiert werden. So lassen sich beide Theorien auf die lokalen MikrobloggerInnen in Dresden anwenden. Ihre große Zahl deutet auf die große Bedeutung der Ortsbezogenheit hin und deckt sich mit der Theorie von Hersman. Gleichzeitig verwendeten die lokalen MikrobloggerInnen alle die Mainstream-Plattform twitter.com und nicht die eher aktivistische Plattform mikro.mensch.coop, was sich wiederum mit der „cute cat“-Theorie von Zuckerman und der Bedeutung der Verfügbarkeit deckt.

Insgesamt muss gesagt werden, das lokale MikrobloggerInnen eine interessante, aber auch begrenzte Zusatzquelle von Informationen für AktivistInnen darstellen, die es sich jedoch lohnt reflektiert zu nutzen.

Das mobile Web!

Das Mobile Web ist da! SMS hat keine Rolle beim Mikroblogging in Dresden gespielt. Viele Menschen verfügen schon über moderne 3G-Handys (mit Internetflat?) und nutzen das mobile Web intensiv. Von den mindestens 11 aktiven Vor-Ort-MikrobloggerInnen hatten 8 iPhone, einer ein HTC Touch Dual, ein Samsung SGH i600 und ein weiter nicht bestimmtes Handy. Dabei wäre es sinnvoll die SMS-Unterstützung auszubauen, um das Medium noch mehr Menschen zu öffnen. Gerade in Aktionssituationen ist das Push-Medium SMS Pull-Medien, wie das Besuchen eines Mikroblogging-Webinterfaces überlegen.

Interessant an der Entwicklung des mobilen Web ist auch die Möglichkeit Chatsysteme wie z.B. Jabber vom Handy aus zu nutzen, welche hervorragend mit der Mikroblogging-Software Laconica zusammenarbeiten können. Hieraus könnte ein leistungsfähiges und teilweise verschlüsselbares mobiles Informationsökosystem entstehen.

Perspektive

Generell haben haben Laconica-Mikroblogs bei der Berichterstattung in Dresden keine Rolle gespielt, bis auf die beiden Account @demoscout und @aktionsnews auf mikro.mensch.coop, welche jedoch sehr gut informiert waren und so wenigsten die wesentlichen Informationen der Laconica-Welt zur Verfügung gestellt haben. Dabei ist zu hoffen, das sich Laconica als aktivistischer Standard durchsetzen wird, wobei Crossposting mit Twitter hinsichtlich der Verbreitung immer noch Sinn machen wird.

Ich glaube wenn der Aktionsnews-Account auf Indymedia bekannt gewesen wäre, wären die AbonnentInnenzahlen noch viel höher gewesen wie z.B. beim Castortransport. Was die Aktualität angeht, war diese durch die Mischung aus WAP-Ticker, coloRadio und Mikroblogs sehr gut. Es wurde auch diesmal mehrmals auf Indymedia bemerkt, das der WAP-Ticker dieses Jahr nicht so einen hohen Gebrauchswert im Gegensatz zu den letzten Jahren hatte. Das Bündnis „geh denken“, welches dieses Jahr den WAP-Ticker organisiert hat, wurde auch verschiedenste Wege vorher angefragt ob, ob sie nicht Mikroblogs in ihre Aktionskommunikation integrieren möchten. Auch wurde ihnen Hilfe bei der Einrichtung usw. angeboten, was ignoriert wurde. Mag sein, das es zeitliche Gründe waren, warum sie nicht auf die Vorschläge eingegangen sind und es soll generell ihre wichtige Arbeit auch nicht schlecht gemacht werden, doch glaube ich, das es strategisch falsch war nicht Mikroblogs in die Aktionskommunikation zu integrieren. Auch haben sie ihren Twitter-Account mit über 430 AbonnentInnen überhaupt nicht für die Aktionskommunikation genutzt – ein total verschenktes Potential, auch aus pressetechnischer Sicht!

Abschließend möchte ich noch auf das interessante Potential von Mikroblogs für Selbstorganisation hinweisen, wenn zum Beispiel eine strategisch wichtige Kommunikationsstruktur „besetzt“ ist oder in spontanen Situationen wie Katastrophen gar keine Infostrukturen vorhanden sind, ermöglichen Mikroblogs eigene dezentrale Kommunikationsstrukturen aufzubauen. Bestenfalls erlauben Mikroblogs kleineren Spektren, Demonstrationen oder auch normalen BürgerInnen, die nicht so technisch versiert sind um z.B. einen WAP-Ticker zu betreiben, eigene mobile Kommunikationsstrukturen schnell bis ad-hoc-artig aufzubauen.

mensch.coop auf dem 44. Jour Fixe am 04.02.2009 in Hamburg

Tuesday, February 3rd, 2009

Am Mittwoch den 04.02. nehmen wir am 44. Jour Fixe der hamburger Gewerkschaftslinken teil. Das Treffen findet um 18:30 Uhr im Curiohaus, Rothenbaumchaussee 15 (Hofdurchgang) statt. Mit dabei sind u.a. auch zwei Kollegen von dem Projekt Chef duzen. Unser Thema wir sein “Gewerkschaften und Web 2.0″: Wie können Gewerkschaften das Web2.0 nutzen, worin liegen die Chancen und die Gefahren.

Mikroblogging und soziale Bewegungen

Tuesday, February 3rd, 2009

Mikroblogs gehören zum immer bedeutender werdenden Digitalen Raum in dem gesellschaftliche Öffentlichkeiten und Mikroöffentlichkeiten entstehen.

1.In welchen Bereichen werden Mikroblogs von sozialen Bewegungen eingesetzt?

1.1 Konferenzen

Ein gutes Beispiel dafür wie Mikroblogs intensiv zur Koordinierung, Selbstorganisation und Vernetzung benutzt wurden ist z.B. der 25C3 des Chaos Computer Clubs. Auch bei den Barcamps spielen Mikroblogs eine wichtige Rolle. So sind sie ein wichtiger direkter Feedbackkanal, der auch später ausgewertet werden kann. Generell würden Mikroblogs als Kommunikationskanäle Sozialforen und Gegengipfelaktivitäten bereichern, jedoch werden sie derzeit wie z.B. auf dem Weltsozialforum in Belém nur recht spärlich von einigen Einzelpersonen benutzt. Ganz im Gegensatz dazu werden auf dem kapitalistischen World Economic Forum in Davos Mikroblogs sehr intensiv genutzt, insbesondere als Feedbackkanäle, zum Netzwerken und für die Öffentlichkeitsarbeit.

1.2. Citizen Journalism

Im Bereich des Citizen Journalism oder auch Bürgerjournalismus genannt gibt es verschiedene Anwendungsgebiete für Mikroblogs.

1.2.1 Direkte Berichte von vor Ort von gesellschaftlichen Ereignissen, Krisen und Revolutionen(?)

Dabei handelt es ich meist um spontane Berichterstattung vor Ort wie z.B. bei den Anschlägen von Mumbai (#mumbai) oder bei den Aufständen in Griechenland (#griots). Ein Problem das in diesem Zusammenhang auftaucht ist das der Glaubwürdigkeit der Quellen, wenn z.B. Menschen behaupten vor Ort zu sein und dies doch nicht sind. Insgesamt bereichern jedoch Mikroblogs in einem Medienmix das Bild von gesellschaftlichen Ereignissen und sind in ihrer Schnelligkeit unschlagbar.

Der Krieg in Gaza (#gaza) stellt eine Besonderheit dar, da dies wohl der erste „Social War“ gewesen ist, indem sich beide Kriegsparteien aktiv sozialer Medien bedient haben. Insgesamt verdient dieser Konflikt und seine Mikroblognutzung eine tiefergehende Betrachtung, die hier in seiner Gänze aber nicht geleistet werden kann. In einer Kriegssituation stirbt als erstes die Wahrheit bzw. das Rauschen der Propaganda versperrt oftmals einen differenzierteren Zugang zum Konflikt. Dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera gelang es im Krieg in einer technisch wie journalistisch innovativen Art und Weise Mikroblogs in seine Berichterstattung zu integrieren, indem sie die Ushahidi-Plattform genutzt haben.

1.2.2 Gegenöffentlichkeit

Viele Gegenöffentlichkeitsprojekte wie Freie Radios (Free Speech RadioRadio Corax), Indymedia Centers (Portland IMCTwin Cities IMC , IMC UK oder z.B. IMC germany) sowie auch große unabhängige Medienprojekte wie DemocracyNow nutzen Mikroblogs, um ihren Inhalte weiter zu streuen und als Feedbackkanal. Desweiteren nutzen Gegenöffentlichkeitsprojekte wie protest.net und riseup.net Mikroblogs für Support und Statusnachrichten.

Wenn soziale/selbstorganisierte Zentren auch als ein Teil der Gegenöffentlichkeit angesehen werden können, lassen sich dort zaghafte Anfänge einer Nutzung von Mikroblogs zur Schaffung von (Mikro)Gegenöffentlichkeit feststellen wie z.B. beim SubstAnZ in Osnabrück.

1.2.3 Wahlmonitoring

Im Dezember 2008 wurden in Bangladesh Mikroblogs zur Wahlbeobachtung benutzt. Dies war ein großer Schritt und hatte positive Effekte auf die Transparenz in einem Land, das 2005 laut Transparency International das korrupteste Land der Welt war und die letzten zwei Jahre von einer (militärischen) Übergangsregierung geführt wurde. In den USA überwachten BürgerInnen die letzte Präsidentenwahl mit Hilfe von Mikroblogs und dem Projekt Twitter Vote Report. Der Chaos Computer Club nutze ein Mikroblog für die Wahlcomputerbeobachtung in Brandenburg zur Kommunalwahl im Jahr 2008.

1.3. Aktionstool

1.3.1 Mobilisierung

Beim Generalstreik in Ägypten im April 2008 spielten Mikroblogs für die Mobilisierung eine wichtige Rolle. Die Gruppe Labourstart benutzt Mikroblogs zur Unterstützung von Solidaritätskampagnen für gefährdete GewerkschaftsaktivistInnen und Streiks. Die antifaschistische Initiative geh-denken nutzt Mikroblogs für die Mobilisierung zu den Gegenaktivitäten von Europas größten Naziaufmarsch am 13.-14.02.2009 in Dresden. Außerdem benutzt die Kampagne „Atomausstieg selber machen“ der deutschen Umweltverbände ebenfalls einen Mikroblog.

1.3.2 Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Beim Klima-/Antiracamp in Hamburg wurde der Open-Source-Mikroblogging-Dienst identi.ca im kleinen Rahmen benutzt, um Presseinformationen zu veröffentlichen. Der DGB und die IGM BaWü nutzen auch seit kurzem Mikroblogs für Öffentlichkeitsarbeit.

1.3.3 Koordinierung und Selbstorganisation von Protesten und direkten Aktionen

Bei politischen Großveranstaltungen wie den Protesten gegen die Republican National Convention (RNC) im September 2008 in Minneapolis/USA wurde Twitter intensiv genutzt. Es wurden die Accounts protestrnc2008 (Informationen über die Protestorganisation und Vorbereitungstreffen), rnc08_police (Informationen über die Polizei), RNC08_medic (Informationen von den Demosanitätern) und rnc08_legal (Informationen vom Legal-Team) eingerichtet. Darüber wurden schnell und gezielt die Leute informiert, die diese Infokanäle abonniert hatten.

Beim größten Klimacamp in England wurde Twitter als schneller Infoticker benutzt.

In Deutschland wurden Mikroblogs das erste Mal als ergänzender Infoticker von Radio FSK bei den Gegenaktivitäten zum 1.Mai-Naziaufmarsch in Hamburg 2008 verwendet. Daraus entstand auch eine interessante Debatte zum Thema „Twitter für Demonstrationen?” über den Einsatz von Mikroblogs auf netzpolitik.org. Im Rahmen der antimilitaristischen Gelöbnix-Kampagne wurde für die Aktionen am 20.07.2008 gegen das erste Bundeswehrgelöbnis vor dem Reichstag nach dem Krieg ein offener Mikroblog benutzt. Die Besonderheit war, das auf dem Mikroblog das Login und das Passwort öffentlich gepostet war und aus Datenschutzgründen empfohlen wurde diesen Account nicht zu abonnieren, sondern lediglich den RSS-Feed zu konsumieren.

Der erste Einsatz von Mirkoblogging im größeren Stil für politische Aktionen in Deutschland war der Castortransport im November 2008. Das besondere war, das verschiedene Mikroblogs nicht nur als Infoticker fungierten, sondern das mindestens sechs MikrobloggerInnen direkt vor Ort waren und ihre dezentral gewonnen Erkenntnisse gepostet haben. Diese Informationen wurden zusammen mit Informationen aus dem SMS-Ticker der BI und dem Radio Freies Wendland zu einen schnellen Infoticker zusammenschmolzen, der an Aktualität und Schnelligkeit alle übertraf. Hier zeigte sich das wirklich Potential von Mikroblogs, das Crowdsourcing von Informationen. Mikroblogs sind halt mehr als nur Empfänger von Kurznachrichten. Sie sind auch Sender!

Gleichzeitig hatten wir von mensch.coop während des Castortransports die erste Testphase unseres Mikrobloggingdienstes mikro.mensch.coop, auf dem ausführlich über den Castortransport berichtet wurde und die Informationen so der Open-Micro-Blogging-Welt zur Verfügung stellt wurden.

1.3.4 Monitoring von AktivistInnen

(Mikro-)Öffentlichkeiten können für verschiedenste AktivistInnen auch ein Schutz sein. Ein gutes Beispiel hierfür ist der bekannt gewordene Fall des ägyptischen Aktivisten Alaa. Er informiert seine AbonnentInnen auf seinem Mikroblog während Demonstrationen, Aktionen usw. ob er Ok ist oder der Repression zu Opfer gefallen ist. Es sind weitere Fälle bekannt geworden, wo JournalistInnen und AktivistInnen erfolgreich Mikroöffentlichkeiten ihrer Mikroblogs als Schutz genutzt haben, um im Erstfall öffentliche Unterstützungsaktionen einzuleiten. Diese Art des positiven Monitoring von AktivistInnen könnte auch in Deutschland z.B. von Abschiebung bedrohten FlüchlingsaktivistInnen sehr nützlich sein.

2. Die Logik(en) von Mikroblogging

Um dem neuen Medium Mikroblog als Kommunikationsform gerecht zu werden ist es als erstes notwendig zu sehen, das es nicht eine Logik der Anwendung gibt, sondern viele Arten dieses extrem schnelle und flexible Medium zu verwenden.

Trotzdem lassen sich gewisse Tendenzen und Eigenarten herauskristallisieren, auf welche ich nun kurz zum tieferen Verständnis eingehen möchte.

So wird in der Studie Social Networks that Matter: Twitter Under the Miscroscope” von Bernardo A. Huberman, Daniel M. Romero und Fang Wu der Mikrobloggingdienst Twitter untersucht. Die Autoren resümieren, dass die User von Mikroblogs in ihren Netzwerk nur eine geringe Anzahl an Freunden bzw. engen Kontakten haben verglichen mit den Zahl ihrer AbonnentInnen und postulieren:

“This implies the existence of two different networks: a very dense one made up of followers and followees, and a sparser and simpler network of actual friends. The latter proves to be a more influential network in driving Twitter usage since users with many actual friends tend to post more updates than users with few actual friends. On the other hand, users with many followers or followees post updates more infrequently than those with few followers or followees.”

arXive Twitter6

Dies bedeutet, das die Stärke von Mikroblogs in ihren schwachen Bindungen liegt! Einfacher ausgedrückt hat es Web2.0-Guru @timoreilly in seinem Mikroblog: “Facebook is about people you used to know; Twitter is about people you’d like to know better.”

Ein theoretisches Modell hierfür hat schon 1973 der amerikanischen Soziologen Mark Granovetter in seinem Aufsatz „The Strengh of Weak Ties“ dargelegt. Dazu der Medienwissenschaftler Norbert Bolz: „Diffusion wird also nicht durch „strong ties“, sondern durch „weak ties“ gesteigert. Starke Bindungen tendieren zur Cliquenbildung; ihnen fehlen die Strukturlücken, durch die Neues einfließen könnte. „Weak ties“ machen neue Informationen zugänglich; „strong ties“ verkapseln uns im Vertrauten (Bolz: Das ABC der Medien S. 134). Thomas Pfeiffer hat übrigens die These von Granovetter anhand des Twitter-Netzwerks empirisch überprüft. Ein Abstract dazu gibt es hier.

2.1 Die Logiken von Mikroblogging innerhalb sozialer Bewegungen

Innerhalb von sozialen Bewegungen steht jedoch nicht nur die Gewinnung von neuen Informationen aus einem größeren losen Netzwerk im Vordergrund. Es gibt verschiedene Logiken bezüglich der Anwendungen bzw. der EmpfängerInnen. Manchmal möchten AktivistInnen nur schnell und gezielt eine Mikroöffentlichkeit von anderen AktivistInnen erreichen, also sind starke Bindungen durchaus relevant und deren Anonymität ist wichtig, um Repression abzuwehren. Das Prinzip der Transparenz läuft dem Schutz von AktivistInnen vor den datenhungrigen Staaten mit ihren Verfolgungsbehörden sowie Unternehmen zu wieder. Andererseits ist im Falle von Pressearbeit eine möglichst weite Verbreitung der Informationen gewünscht. Die Diffusion von Informationen ist ebenfalls bei der Mobilisierung von Kampagnen relevant.

Dies zeigt wie nötig es ist differenziert mit Mikroblogs umzugehen, und anwendungsbezogene Lösungen zu schaffen. Eine Möglichkeit wäre es z.B. Mikrobloggingserver für permanete, rein öffentlichkeitsbezogene Nutzungen aufzusetzen und zu betreiben wie z.B. mikro.mensch.coop und für gezielte Kampagnen temporär Mikrobloggingserver mit der Möglichkeit anonymer Accounts zu betreiben. Eine Weiterentwicklung der Open-Source-Mikroblogging-Plattform laconi.ca, so das diese auch über Privatfunktionen verfügt wie z.B. das sich AbonnentInnen unsichtbar machen können, wäre aus der Sicht  sozialer Bewegungen und JournalistInnen mittelfristig sinnvoll.

Was die Logik im Bereich des Bürgerjournalismus angeht, gibt es dort nach dem indischen Social-Media-Experten Gaurav Mishra zwei gegensätzliche Ansätze, einmal die Ortsbezogenheit (location) und die Verfügbarkeit (ubiquity). In seinem sehr lesenswerten Blogartikel über Which is a Better Mobile Citizen Reporting Tool: Twitter or Ushahidi? stellt der die beiden Ansätze gegenüber:

„Ushahidi co-founder Erik Hersman points to his “pothole theory of digital activism” (we only care about a pothole if it’s on our street) and argues that location is the key in mobile crisis reporting, because location makes crisis information relevant to us.

As a counter-point, I would like to point to Ethan Zuckerman’s “cute cat theory of digital activism” (most of us accidentally stumble upon activism while we upload pictures of cute cats on the internet) and argue that ubiquity is the key in mobile crisis reporting, as people tend to use the same service for finding entertainment and engaging in citizen reporting.“

Darüber hinaus ist es aus der Sicht von Sozialen Bewegungen sinnvoll, folgende Analyse von Gaurav Mishra generell bei strategischen Überlegungen zu berücksichtigen:

In any case, crisis reporting will always follow the 1:9:90 rule, with a small minority using dedicated citizen reporting platforms and a large majority using multi-purpose communications platforms.“

2.2 First Publish, then Filter!

Was teilweise in (deutschsprachigen) aktivistischen Kreisen noch nicht richtig verstanden wurde, ist der Paradimenwechsel des Web2.0, der hinter den Mikroblogs steht. So sind Mikroblogs nicht nur eine neue Art dezentral bzw. mobil Informationen zu empfangen, was ja auch mit WAP-Tickern oder RSS-Feeds möglich ist, sondern es kann mit Mikroblogs ebenfalls dezentral an viele gesendet werden. Dies kann gravierende Auswirkungen haben. Durch diese Möglichkeit kann lokales Wissen z.B. über Blockaden, Übergriffe, Nazis etc. schneller direkt an viele Menschen weitergegeben werden, was bei Aktionen einen entscheidenden Zeitvorteil bringen kann.

Derzeit sind Mikroblogs noch kein Mainstreammedium, weswegen das Rauschen durch zu viele (Stör-)Sender bei Aktionen wie z.B. dem Castortransport noch sehr gering ist. Dabei zeigt sich die Potenz des Mediums, das eine geringe Anzahl von dezentral arbeitenden MikrobloggerInnen wesentlich zur Erhellung der allgemeinen Informationslage beitragen kann. Bei geplanten Kampagnen kann schon vorher ein vertrauenswürdiges Korrespondentennetz mit MikrobloggerInnen aufgebaut werden. Je mehr Menschen mikrobloggen bzw. wenn zuverlässige Quellen in Form von bekannten MikrobloggerInnen nicht vorhanden sind ist es um so wichtiger Informationen zu filtern bzw. sie zu aggregieren und zu überprüfen. Dafür ist z.B. die Ushahidi-Software geeignet, die z.B. während des Kriegs in Gaza eingesetzt wurde, aber auch bei gewaltätigen Übergriffen in Kenia, Kongo und Südafrika, um Informationen zu sammeln und auszuwerten. So kann das Croudsourcing-Potential von Mikroblogs genutzt und trotzdem verantwortungsbewußt mit den Informationen umgegangen werden bei denen die Quelle nicht gesichert ist.

3. Perspektive

Derzeit herrscht gerade im deutschsprachigen Raum bei der mobilen Aktionskommunikation noch Web 1.0 vor. Der WAP-Ticker! So zum Beispiel bei der großen antirassistischen Mobilisierung in Köln 2008 gegen ProKöln oder die die antifaschistische Mobilisierung gegen das „Fest der Völker“ in Jena. Das Crowdsourcing-Potential von Mikroblogs bleibt bei Großveranstaltungen meist noch ungenutzt.

Ebenso wird das Potential von Mikroblogging derzeit von der globalisierungskritischen Bewegung bzw. der Global Justice Bewegung noch gar nicht genutzt. Dies ist sehr schade.

Auch bei den Gewerkschaften sind derzeit nur spröde Ansätze zum Nutzen von Mikroblogs zu erkennen, wobei es jedoch eine Fülle von Anwendungsmöglichkeiten geben würde wie z.B. die Vermittlung von Streiks, Organisierung von Unterstützung etc.

Ebenso sind in der antirassistischen Bewegung, bis auf den Ticker beim Klima-/Antiracamp 2008 in Hamburg, bis jetzt keine Ansätze von Mikroblognutzung zu finden. Ein Schlüssel für Integration von interessanten NutzerInnen-Gruppen wie z.B. MigrantInnen und Flüchtlinge ist ein guter SMS-Support.

In der Anti-AKW- und Klimabewegung gibt es einiges an Bewegung. Junge AktivistInnen und NGO’s wie Greenpeace nutzen dieses neue Medium aktiv. Ähnlich sieht es in der Gender-/Feministischen Bewegung aus. Dort gibt es im deutschsprachigen Raum einige thematische Mikroblogs und insbesondere in den USA eine starke Bewegung im Bereich der Rechte für LGBTQ.

Bleibt abzuwarten wie Mikroblogs bei den großen Mobilisierungen dieses Jahres genutzt werden wie z.B. den Gegenaktivitiäten zum größten Nazisaufmarsch Europas in Dresden am 13.-14.02., den antimilitaristischen Aktivitäten der No-Nato-Kampagne in Strassbourg Anfang April, den Aktivitäten zum G8-Gipfel in Italien im Juli sowie die Gegenmobilisierung zur Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember.

Was generell fehlt ist sinnvolle (Offline)-Literatur, gute Broschüren und ein gutes Wiki zu Medienkompetenz und Mikroblogging für soziale Bewegungen. Die Entwicklung ist halt noch recht neu. Zentral wir außerdem die Herausbildung einer Policy für verantwortungsbewußte Nutzung von Mikroblog innerhalb von sozialen Bewegungen sein, wie sie sich auch für die Nutzung von Indymedia entwickelt hat, damit Mikroblogs breiter genutzt werden können.

Welche Plattform sich für Mikroblogging für soziale Bewegungen am Besten eignet, erfordert auf jeden Fall tiefergehende Analysen, die in diesem Artikel im vollen Umfang jetzt nicht geleistet werden kann. Dies hängt bestimmt auch von der Logik und dem Zweck der Nutzung ab. Jedoch möchte ich hier nicht meinen Favoriten verheimlichen. Gerade für soziale Bewegungen ist informationelle Selbstbestimmung so wichtig wie die Luft zum atmen. Deshalb spreche ich mich hier für die Open-Source-Software Laconi.ca aus und gegen den kommerziellen Mikroblogging-Dienst Twitter. Twitter, der mit Abstand größte Mikrobloggingdienst mit den meisten NutzerInnenzahlen, ist vollgesogen mit Venture-Kapital, das auf seine Verzinsung wartet und die zukünftigen Geschäftsmodelle könnten den Interessen der sozialen Bewegungen zu wieder laufen. Außerdem ist Twitter closed-source und unterstützt derzeit nicht den OpenMicroBlogging-Standard. Seit dem Twitter die kostenlose SMS-Unterstützung außerhalb der USA, Kanada und Indien eingestellt hat ist die soziale Relevanz von Twitter für verschiedenste Länder zurückgegangen wie z.B. hier und hier beschrieben wird.

Ich glaube das Laconi.ca nachhaltiger ist, und es sich lohnt in Initiativen zu investieren, die von den Bewegungen und Menschen kontrolliert werden können.

Mikroblogging-Service von mensch.coop in Testphase

Monday, November 10th, 2008

Zum Castortransport hat die Genossenschaft einen Open-Source-Mikroblogging-Dienst unter http://mikro.mensch.coop eingerichtet. Am Besten ist dieser über den Spiegelserver zu erreichen! Der Service ist noch in der Testphase und nicht perfekt, aber so können auf Nachrichten in die Open-Source-Mikrobloggingwelt wandern. Ziel ist es eine Kommunikation zu schaffen, die unabhängiger von kommerziellen Anbietern ist und offene Standards zu fördern.

Bloggen aus der AktivistInnen-Welt: Das Waldcamp bei FFM

Monday, September 8th, 2008

In dem interessanten Blogprojekt der taz Report vor Ort berichtet Ingo Frost seit dem 31.08.2008 täglich aus dem Waldbesetzercamp gegen den Ausbau des frankfurter Flughafens. Dabei werden auf angenehme Weise kritisch-solidarische und persönliche Eindrücke aus der Innenperspektive des Waldbesetzercamps und deren ProtagonistInnen vermittelt. Insgesamt eine schöne Art für Normalbürger und Außenstehende an der oft verschlossenen Welt der AktivistInnen teilzuhaben und mehr über deren Motivationen, aber auch konkret vom Projekt des Waldcamps gegen den Flughafenausbau zu erfahren.

Dieses Blogformat hat Zukunft, egal ob aus dem Flüchtlingslager, vom Gegengipfelcamp oder direkt vom Gen-Acker, egal ob bei der taz oder gleich bei blogsport oder antira.info.

P.S.: Mit einem Account bei unserem hoffentlich bald startenden Social Network mensch.coop lassen sich auch bequem (mehrere) Blogs einrichten.

Mikroblogs als Aktionstools?!

Sunday, August 31st, 2008

Dieser Vortrag wurde auf dem Klima- und Antiracamp 2008 in ähnlicher Form gehalten und möchte kurz vorstellen was Mikroblogs sind, um anschließend über die Möglichkeiten und Begrenzungen von Mikroblogs als Aktionstools für soziale Bewegungen informieren und plädiert für eine selbstbewußte Aneignung dieser Technologie.

Twitter? Mikroblogs, was?

Überflüssiger Hype von Geeks, noch mehr Datenmüll oder die totale Überwachung? Wer braucht Nachrichten mit 140 Zeichen? Geistige Tiefe? Nein, Mikroblogs sind nicht die Ursache geistiger Verflachung, sondern wir Menschen haben es in der Hand wie wir sie nutzen.

Mikroblogging ist eine eigenständige Kommunikationsform und sie wird sich weiter etablieren. Sie könnte theoretisch in Teilen die amtliche E-mail ablösen. Mikroblogging ist dabei mehr als ein Modetrend. Etablierte Fachzeitschriften wie die iX sehen dies genauso und Medien wie z.B. CNN oder „Welt kompakt“ twittern fleissig was das Zeug hält.

Meine Position ist, das Kulturpessimismus wie „das Internet macht dumm“ etc. an sich nichts bringt und das neuen Medien immer mit Skepsis begegnet wurde, sei es der Buchdruck, das Kino, Video, Blogs oder jetzt die Mikroblogs! Ziel muss es sein Medienkompetenz zu entwickeln und sich die Medien mit ihrem Potential selbstbewußt anzueignen. Dabei müssen die Menschen selbst entscheiden in wie weit sie dieses Medium für sich sinnvoll nutzen können und in weit aber auch nicht. Reflektiertes Verhalten ist gefragt und dazu möchte dieser Vortrag anregen.

Kurz: was sind eigentlich Mikroblogs und wie funktionieren sie?

Im folgenden werde ich kurz Twitter vorstellen, da es quasi der Prototyp des Mikroblogs ist und diese populär gemacht hat. Daneben gibt es noch eine Unzahl von Klonen und ähnlichen Services, auf die hier im wesentlichen nicht eingegangen wird.

Twitter ist ein kostenloser Social Networking und Mikrobloggingservice, welcher seinen BenutzerInnen erlaubt, textbasierte und aus bis zu 140 Zeichen bestehende Nachrichten zu senden. Diese werden auf der Profilseite der BenutzerIn angezeigt und gleichzeitig an andere BenutzerInnen weitergeleitet, die den gezielten Empfang von neuen Nachrichten abonniert haben. Der Sender kann Weiterleitung der Nachricht auf ihren oder seinen Freundeskreis beschränken, wobei in der Grundeinstellung die Nachrichten für alle sichtbar sind. BenutzerInnen können neue Nachrichten über die Twitter-Website, Instant-Messaging , SMS, RSS-Feed , E-mail oder durch Anwendungen wie Twitterrific oder Facebook empfangen. Für SMS stehen derzeit vier Gatewaynummer für die Länder USA, Kanada, Indien und UK zur Verfügung. Leider nur bis zum 14.08.2008 gab es den SMS-Service auch international, welcher über die UK-Nummer erreichbar war. Für deutsche UserInnen hat sich nun der Nutzen stark eingeschränkt, da es die Stärke von Twitter war einfach über SMS Nachrichten schreiben zu können und ebenfalls die Followers/AbonnentInnen einfach mit einer SMS zu erreichen. Derzeit gibt es jetzt mindestens zwei kommerzielle Anbieter (http://www.tweetsms.com/ und http://www.hootsms.com) , die diese Lücke füllen, aber mit ca. 10 Cent pro SMS in Deutschland recht teuer sind. Es wird sich zeigen, ob es demnächst vielleicht auch wieder einen kostenlosen oder wenigsten günstigeren Service von Twitter direkt gibt. Die Stärke von Twitter war bzw. ist eine Kommunikation von Mobil zu Mobil, wobei die weite Verbreitung von Handys für einen Masseneffekt sorgt. So können Mikroblogs eine echte mobile Anwendung sein, ohne das die Handys selbst dafür einen Internetzugang benötigen.

Im Juli 2008 gab es über 2.200.000 registierte Twitter-Accounts (Quelle http://twitdir.com/).

Wie können sie für soziale Bewegung und Emanzipation im allgemeinen genutzt werden?

Eine generelle Aufzählung wie mensch Twitter sinnvoll nutzen kann hat schon Oliver Ueberholz geliefert. „Spontanes Management von kleineren Gruppen wird durch Twitter vereinfacht“ ist eine zentrale Aussage und dies deckt sich mit Analysen wie z.B. von Clay Shirky, das Social Software die Transaktionskosten senkt und deshalb Organisationsfähigkeiten von Menschen erweitern kann. Ich folgenden möchte ich die Möglichkeiten und Chance für soziale Bewegungen durchspielen.

Twitter als “Social Justice Tool” in der Praxis

Twitter wurde als „Social Justice Tool“ benutzt, um Gruppen von Menschen in verschiedensten kritischen Situationen miteinander zu verbinden. So konnte der Journalismusstudent James Buck über Twitter seinen Freunden mitteilen, das er verhaftet wurde, als er regierungskritische Proteste fotografierte. So konnten die Freunde und sein Kollege sich um Rechtsbeistand bemühen und das US-Konsulat benachrichtigen, wodurch er am nächsten Tag wieder freigelassen wurde. Über einen weiteren interssanten Fall in Ägypten wo Twitter politischen Aktivisten geholfen hat berichtet Twittergründer Biz Stone :

„Dieser Mann hier heisst Alaa. Er ist ein ägyptischer Aktivist und war in einigen brenzligen Situationen oder wurde auf unbestimmte Zeit zu Verhören verhaftet. Er hat angefangen Twitter zu nutzen um seine Anhänger und andere Aktivisten auf dem Laufenden zu halten. Wo er gerade ist, ob er mit der Polizei redet, wo er hingeht, was mit Aktionen los ist an denen sie gerade arbeiten. Auf diese Art sind also alle seine Anhänger immer auf dem Laufenden ob er OK ist. Wenn er also nicht twittert läuft irgendwas falsch. Oder wenn er twittert: Ich bin gerade verhaftet worden und bin im Gefängnis! Können seine Anhänger sofort eine Freiheit für Alaa! Aktion starten, so wie sie es schon mal getan haben um ihn rauszuholen. Evan hat uns eine interessante Geschichte erzählt. Einer unserer Freunde mit Namen Abdhul Monehm, ist ein führender Aktivist der Oppositionspartei in Ägypten. Alaa bekam Wind davon, das sein Freund still und heimlich ausserhalb seiner Wohnung verhaftet werden sollte um ihn zu verhören. Alaa veröffentlichte das auf Twitter - er hat circa 129 “Followers” - und alle seine Freunde fanden sich sofort bei Abduhls Haus ein und versammelten sich dort und veranstalteten einen ziemlichen Aufruhr. Als die Polizei kam um ihn zu verhaften, konnten sie es nicht heimlich tun und liessen den Plan fallen weil alles zu offensichtlich war.“

Im April 2008 fand ein Generalstreik in Ägypten statt und neben dem Social Network Facebook spielte die Mobilisierung auf Twitter eine wichtige Rolle.

Die gewerkschaftliche Kampagnenseite LabourStart propagiert Twitter als ergänzendes Kampagnentool um die Menschen direkt zu erreichen , da E-Mails durch Spam und überfüllte Posteingänge teilweise ihre Wirkungskraft eingebüßt haben, die Nachrichten kurz und prägnant sind und über den potentiellen Empfang über Handy die Menschen nah und unmittelbar erreicht werden können.

Ein weiterer Bereich wo Twitter bis jetzt erfolgreich eingesetzt wurde ist Katastrophenmanagement. So wird Twitter vom amerikanischen Roten Kreuz benutzt (http://twitter.com/RedCross ). Während der Großbrände im Oktober 2007 in Kalifornien informierten sich Nachbarn im Minutentakt über den Ausbruch von neuen Bränden. Die Nachrichten über ein Erdbeben in China war über Twitter eine Stunde eher bekannt als auf CNN und anderen Mainstreammedien. Außerdem half Twitter den Opfern vom Cyclone Nargis in Burma über ihre Situation zu berichten.

Wie können Mikrobloggingsysteme in hiesigen sozialen Bewegungen sinnvoll genutzt werden?

Hier ein paar Vorschläge:

  • Gefährdete FlüchtlingsaktivistInnen können ihre UnterstützerInnen laufend mit Informationen über ihre persönliche Situation versorgen, um ggf. öffentlichkeitswirksame Aktionen einzuleiten.
  • Generell eigenen sich Mikroblogs sehr gut um UnterstützerInnen über die Situation in Lagern zu informieren, da dort oft keine Internetzugänge vorhanden sind, jedoch fast alle Flüchtlinge Handys besitzen. Durch eine SMS können UnterstützerInnen sehr schnell und effizient über Übergriffe, Hungerstreiks, Blockaden, Repression und Abschiebung informiert werden.

  • Informationen über räumungsgefährdete Objekte wie Hüttendörfer, Baustellen, Häuser usw. können schnell UnterstützerInnen erreichen.

  • Informationen über Routen bei Naziaufmärschen, Castortransporte, Urantransporte, Gipfelaktivitäten können gezielt vernetzte Kleingruppe erreichen.

  • Bei der Organisation von großen Camps oder Kongressen können funktionale Kleingruppen die für bestimmte organisatorische Aufgaben zuständig sind enger mit einer einander vernetzt werden und Aufgaben koordinieren wie z.B. eine Gruppe von ÜbersetzerInnen, technischer Support usw.

  • Ein Anti-Repressionsinfomikroblog könnte zum Beispiel über Festnahmen, Übergriffe, Freilassungen informieren und so Gerüchten etc. vorbeugen sowie Solidarität, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit gezielter lenken. Dies müsste natürlich mit der EA-Arbeit abgestimmt werden.

  • Mikroblogs können für dezentrale Pressearbeit genutzt werden und direkt von den Aktionen berichten. Dabei kann sich die Presse gezielter informieren und dort hin gelenkt werden wo eine kritische Öffentlichkeit benötigt wird.

  • Gewerkschaften können einfach und schnell über Streiks und Aktionen berichten und ihre UnterstützerInnen auf dem laufenden halten.

  • Mikroblogs können sehr gut zur Verwaltung von Ressourcen verwendet werden. Ein Beispiel wäre eine Mikroblog zu lokalen Informationen zu nachhaltige Leben: Wo gibt es etwas umsonst. Gerade ist dort das Obst reif oder die Zucchini in Mengen abzugeben. Wo kann sinnvoll containert werden? Menschen können schnell und gezielt über einen Überschuss an verderblichen Lebensmitteln informiert werden.

  • Lokale Informationen über einen Infotisch der NPD, eine spontane Reclaim the Streets-Party oder einen Flashmob können schnell an Interessierte weitergeben werden.

Praktische Hürden und zukünftige Perspektiven

Eine Hürde ist derzeit das seit dem 14.08.2008 Twitter seinen SMS-Service für Europa außer in UK gestoppt hat . Da bedeutet das die Followers eines Mikroblogs nicht die Nachricht direkt auf ihr Handy bekommen, was die Funktionalität stark einschränkt. Twitter hat zwar angekündigt diesen Service wieder in verbesserter Form mit einer lokalen SMS-Nummer demnächst zur Verfügung zu stellen, jedoch bleibt abzuwarten wie lange dies dauert und ob es überhaupt geschieht. Die derzeitigen Dienstleister wie tweetSMS und hootSMS sind in Deutschland recht teuer und mensch sollte genau Kosten und Nutzen abwägen.

Ein Lichtblick sind derzeit die sich einwickelnde Open-Source-Software Laconica und der darauf basierende Dienst identi.ca aus Kanada. Mit dieser Software soll es möglich sein dezentrale Mikrobloggingservices aufzusetzen, die jedoch untereinander kompatibel sein sollen. Bleibt die Frage der Finanzierung der SMS, aber so können auf jeden Fall gezielt Mikroblogging-Service für die Bedürfnisse von sozialen Bewegung entwickelt und betrieben werden. Ganz klar stellt sich natürlich auch immer die Frage der Kriminalisierbarkeit und der Überwachung. Daher sollte vor einem Einsatz immer über Nutzen und Risiko abgewogen werden. Bei vielen organisatorischen Aufgaben lassen sich Mikroblogs effizient einsetzen. Das wichtigste bleibt die reflektierte Aneignung dieser wertvollen Kommunikationswerkzeuge und eine medienpädagogische Basisbildung.

Abschließend bleibt der Ausblick über den Tellerrand, das nämlich viele Zwecke und Möglichkeiten die hier beschrieben wurden nicht nur mit Mikroblogs, sondern ebenfalls mit SMS-Services für AktivistInnen wie zum Beispiel TxtMob erledigt werden können. Dem Thema des Mobilaktivismus werde ich mich hier in der nächsten Zeit widmen. Die beste Informationsquelle hierzu ist meines Erachtens mobileactive.org .

Willkommen auf dem Blog des Projektes mensch.coop

Saturday, June 7th, 2008

Auf diesem Blog werden wir euch rund um das Independent Social Network mensch.coop, die Genossenschaft sowie angrenzende Projekte informieren.