Dieser Vortrag wurde auf dem Klima- und Antiracamp 2008 in ähnlicher Form gehalten und möchte kurz vorstellen was Mikroblogs sind, um anschließend über die Möglichkeiten und Begrenzungen von Mikroblogs als Aktionstools für soziale Bewegungen informieren und plädiert für eine selbstbewußte Aneignung dieser Technologie.
Twitter? Mikroblogs, was?
Überflüssiger Hype von Geeks, noch mehr Datenmüll oder die totale Überwachung? Wer braucht Nachrichten mit 140 Zeichen? Geistige Tiefe? Nein, Mikroblogs sind nicht die Ursache geistiger Verflachung, sondern wir Menschen haben es in der Hand wie wir sie nutzen.
Mikroblogging ist eine eigenständige Kommunikationsform und sie wird sich weiter etablieren. Sie könnte theoretisch in Teilen die amtliche E-mail ablösen. Mikroblogging ist dabei mehr als ein Modetrend. Etablierte Fachzeitschriften wie die iX sehen dies genauso und Medien wie z.B. CNN oder „Welt kompakt“ twittern fleissig was das Zeug hält.
Meine Position ist, das Kulturpessimismus wie „das Internet macht dumm“ etc. an sich nichts bringt und das neuen Medien immer mit Skepsis begegnet wurde, sei es der Buchdruck, das Kino, Video, Blogs oder jetzt die Mikroblogs! Ziel muss es sein Medienkompetenz zu entwickeln und sich die Medien mit ihrem Potential selbstbewußt anzueignen. Dabei müssen die Menschen selbst entscheiden in wie weit sie dieses Medium für sich sinnvoll nutzen können und in weit aber auch nicht. Reflektiertes Verhalten ist gefragt und dazu möchte dieser Vortrag anregen.
Kurz: was sind eigentlich Mikroblogs und wie funktionieren sie?
Im folgenden werde ich kurz Twitter vorstellen, da es quasi der Prototyp des Mikroblogs ist und diese populär gemacht hat. Daneben gibt es noch eine Unzahl von Klonen und ähnlichen Services, auf die hier im wesentlichen nicht eingegangen wird.
Twitter ist ein kostenloser Social Networking und Mikrobloggingservice, welcher seinen BenutzerInnen erlaubt, textbasierte und aus bis zu 140 Zeichen bestehende Nachrichten zu senden. Diese werden auf der Profilseite der BenutzerIn angezeigt und gleichzeitig an andere BenutzerInnen weitergeleitet, die den gezielten Empfang von neuen Nachrichten abonniert haben. Der Sender kann Weiterleitung der Nachricht auf ihren oder seinen Freundeskreis beschränken, wobei in der Grundeinstellung die Nachrichten für alle sichtbar sind. BenutzerInnen können neue Nachrichten über die Twitter-Website, Instant-Messaging , SMS, RSS-Feed , E-mail oder durch Anwendungen wie Twitterrific oder Facebook empfangen. Für SMS stehen derzeit vier Gatewaynummer für die Länder USA, Kanada, Indien und UK zur Verfügung. Leider nur bis zum 14.08.2008 gab es den SMS-Service auch international, welcher über die UK-Nummer erreichbar war. Für deutsche UserInnen hat sich nun der Nutzen stark eingeschränkt, da es die Stärke von Twitter war einfach über SMS Nachrichten schreiben zu können und ebenfalls die Followers/AbonnentInnen einfach mit einer SMS zu erreichen. Derzeit gibt es jetzt mindestens zwei kommerzielle Anbieter (http://www.tweetsms.com/ und http://www.hootsms.com) , die diese Lücke füllen, aber mit ca. 10 Cent pro SMS in Deutschland recht teuer sind. Es wird sich zeigen, ob es demnächst vielleicht auch wieder einen kostenlosen oder wenigsten günstigeren Service von Twitter direkt gibt. Die Stärke von Twitter war bzw. ist eine Kommunikation von Mobil zu Mobil, wobei die weite Verbreitung von Handys für einen Masseneffekt sorgt. So können Mikroblogs eine echte mobile Anwendung sein, ohne das die Handys selbst dafür einen Internetzugang benötigen.
Im Juli 2008 gab es über 2.200.000 registierte Twitter-Accounts (Quelle http://twitdir.com/).
Wie können sie für soziale Bewegung und Emanzipation im allgemeinen genutzt werden?
Eine generelle Aufzählung wie mensch Twitter sinnvoll nutzen kann hat schon Oliver Ueberholz geliefert. „Spontanes Management von kleineren Gruppen wird durch Twitter vereinfacht“ ist eine zentrale Aussage und dies deckt sich mit Analysen wie z.B. von Clay Shirky, das Social Software die Transaktionskosten senkt und deshalb Organisationsfähigkeiten von Menschen erweitern kann. Ich folgenden möchte ich die Möglichkeiten und Chance für soziale Bewegungen durchspielen.
Twitter als “Social Justice Tool” in der Praxis
Twitter wurde als „Social Justice Tool“ benutzt, um Gruppen von Menschen in verschiedensten kritischen Situationen miteinander zu verbinden. So konnte der Journalismusstudent James Buck über Twitter seinen Freunden mitteilen, das er verhaftet wurde, als er regierungskritische Proteste fotografierte. So konnten die Freunde und sein Kollege sich um Rechtsbeistand bemühen und das US-Konsulat benachrichtigen, wodurch er am nächsten Tag wieder freigelassen wurde. Über einen weiteren interssanten Fall in Ägypten wo Twitter politischen Aktivisten geholfen hat berichtet Twittergründer Biz Stone :
„Dieser Mann hier heisst Alaa. Er ist ein ägyptischer Aktivist und war in einigen brenzligen Situationen oder wurde auf unbestimmte Zeit zu Verhören verhaftet. Er hat angefangen Twitter zu nutzen um seine Anhänger und andere Aktivisten auf dem Laufenden zu halten. Wo er gerade ist, ob er mit der Polizei redet, wo er hingeht, was mit Aktionen los ist an denen sie gerade arbeiten. Auf diese Art sind also alle seine Anhänger immer auf dem Laufenden ob er OK ist. Wenn er also nicht twittert läuft irgendwas falsch. Oder wenn er twittert: Ich bin gerade verhaftet worden und bin im Gefängnis! Können seine Anhänger sofort eine Freiheit für Alaa! Aktion starten, so wie sie es schon mal getan haben um ihn rauszuholen. Evan hat uns eine interessante Geschichte erzählt. Einer unserer Freunde mit Namen Abdhul Monehm, ist ein führender Aktivist der Oppositionspartei in Ägypten. Alaa bekam Wind davon, das sein Freund still und heimlich ausserhalb seiner Wohnung verhaftet werden sollte um ihn zu verhören. Alaa veröffentlichte das auf Twitter - er hat circa 129 “Followers” - und alle seine Freunde fanden sich sofort bei Abduhls Haus ein und versammelten sich dort und veranstalteten einen ziemlichen Aufruhr. Als die Polizei kam um ihn zu verhaften, konnten sie es nicht heimlich tun und liessen den Plan fallen weil alles zu offensichtlich war.“
Im April 2008 fand ein Generalstreik in Ägypten statt und neben dem Social Network Facebook spielte die Mobilisierung auf Twitter eine wichtige Rolle.
Die gewerkschaftliche Kampagnenseite LabourStart propagiert Twitter als ergänzendes Kampagnentool um die Menschen direkt zu erreichen , da E-Mails durch Spam und überfüllte Posteingänge teilweise ihre Wirkungskraft eingebüßt haben, die Nachrichten kurz und prägnant sind und über den potentiellen Empfang über Handy die Menschen nah und unmittelbar erreicht werden können.
Ein weiterer Bereich wo Twitter bis jetzt erfolgreich eingesetzt wurde ist Katastrophenmanagement. So wird Twitter vom amerikanischen Roten Kreuz benutzt (http://twitter.com/RedCross ). Während der Großbrände im Oktober 2007 in Kalifornien informierten sich Nachbarn im Minutentakt über den Ausbruch von neuen Bränden. Die Nachrichten über ein Erdbeben in China war über Twitter eine Stunde eher bekannt als auf CNN und anderen Mainstreammedien. Außerdem half Twitter den Opfern vom Cyclone Nargis in Burma über ihre Situation zu berichten.
Wie können Mikrobloggingsysteme in hiesigen sozialen Bewegungen sinnvoll genutzt werden?
Hier ein paar Vorschläge:
- Gefährdete FlüchtlingsaktivistInnen können ihre UnterstützerInnen laufend mit Informationen über ihre persönliche Situation versorgen, um ggf. öffentlichkeitswirksame Aktionen einzuleiten.
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Generell eigenen sich Mikroblogs sehr gut um UnterstützerInnen über die Situation in Lagern zu informieren, da dort oft keine Internetzugänge vorhanden sind, jedoch fast alle Flüchtlinge Handys besitzen. Durch eine SMS können UnterstützerInnen sehr schnell und effizient über Übergriffe, Hungerstreiks, Blockaden, Repression und Abschiebung informiert werden.
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Informationen über räumungsgefährdete Objekte wie Hüttendörfer, Baustellen, Häuser usw. können schnell UnterstützerInnen erreichen.
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Informationen über Routen bei Naziaufmärschen, Castortransporte, Urantransporte, Gipfelaktivitäten können gezielt vernetzte Kleingruppe erreichen.
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Bei der Organisation von großen Camps oder Kongressen können funktionale Kleingruppen die für bestimmte organisatorische Aufgaben zuständig sind enger mit einer einander vernetzt werden und Aufgaben koordinieren wie z.B. eine Gruppe von ÜbersetzerInnen, technischer Support usw.
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Ein Anti-Repressionsinfomikroblog könnte zum Beispiel über Festnahmen, Übergriffe, Freilassungen informieren und so Gerüchten etc. vorbeugen sowie Solidarität, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit gezielter lenken. Dies müsste natürlich mit der EA-Arbeit abgestimmt werden.
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Mikroblogs können für dezentrale Pressearbeit genutzt werden und direkt von den Aktionen berichten. Dabei kann sich die Presse gezielter informieren und dort hin gelenkt werden wo eine kritische Öffentlichkeit benötigt wird.
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Gewerkschaften können einfach und schnell über Streiks und Aktionen berichten und ihre UnterstützerInnen auf dem laufenden halten.
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Mikroblogs können sehr gut zur Verwaltung von Ressourcen verwendet werden. Ein Beispiel wäre eine Mikroblog zu lokalen Informationen zu nachhaltige Leben: Wo gibt es etwas umsonst. Gerade ist dort das Obst reif oder die Zucchini in Mengen abzugeben. Wo kann sinnvoll containert werden? Menschen können schnell und gezielt über einen Überschuss an verderblichen Lebensmitteln informiert werden.
Praktische Hürden und zukünftige Perspektiven
Eine Hürde ist derzeit das seit dem 14.08.2008 Twitter seinen SMS-Service für Europa außer in UK gestoppt hat . Da bedeutet das die Followers eines Mikroblogs nicht die Nachricht direkt auf ihr Handy bekommen, was die Funktionalität stark einschränkt. Twitter hat zwar angekündigt diesen Service wieder in verbesserter Form mit einer lokalen SMS-Nummer demnächst zur Verfügung zu stellen, jedoch bleibt abzuwarten wie lange dies dauert und ob es überhaupt geschieht. Die derzeitigen Dienstleister wie tweetSMS und hootSMS sind in Deutschland recht teuer und mensch sollte genau Kosten und Nutzen abwägen.
Ein Lichtblick sind derzeit die sich einwickelnde Open-Source-Software Laconica und der darauf basierende Dienst identi.ca aus Kanada. Mit dieser Software soll es möglich sein dezentrale Mikrobloggingservices aufzusetzen, die jedoch untereinander kompatibel sein sollen. Bleibt die Frage der Finanzierung der SMS, aber so können auf jeden Fall gezielt Mikroblogging-Service für die Bedürfnisse von sozialen Bewegung entwickelt und betrieben werden. Ganz klar stellt sich natürlich auch immer die Frage der Kriminalisierbarkeit und der Überwachung. Daher sollte vor einem Einsatz immer über Nutzen und Risiko abgewogen werden. Bei vielen organisatorischen Aufgaben lassen sich Mikroblogs effizient einsetzen. Das wichtigste bleibt die reflektierte Aneignung dieser wertvollen Kommunikationswerkzeuge und eine medienpädagogische Basisbildung.
Abschließend bleibt der Ausblick über den Tellerrand, das nämlich viele Zwecke und Möglichkeiten die hier beschrieben wurden nicht nur mit Mikroblogs, sondern ebenfalls mit SMS-Services für AktivistInnen wie zum Beispiel TxtMob erledigt werden können. Dem Thema des Mobilaktivismus werde ich mich hier in der nächsten Zeit widmen. Die beste Informationsquelle hierzu ist meines Erachtens mobileactive.org .