Analyse von Mikroblogging-Aktivitäten bei der Gegenmobilisierung zum Naziaufmarsch am 14.02.2009 in Dresden
Was ist in Dresden passiert?
Am 13.02. und 14.02.2009 versammelte sich mindestens 6000 Nazis in Dresden, um dort den Jahrestag und die Gedenkveranstaltungen zur Bombardierung Dresdens für ihre revanchistischen Zwecke zu instrumentalisieren. Dabei gab es eine breite Gegenmobilisierung um das bürgerliche Bündnis „geh denken“ mit 7500 TeilnehmerInnen und das autonome Bündnis „no paserán!“ mit 4000 Menschen auf den jeweiligen Demonstrationen. Umfassende Hintergrundinformationen, Links und Bilder zu den Geschehnissen gibt es auf indymedia und ein Pressespiegel auf geh denken.
Die Mikroblogging-Aktivitäten im Zusammenhang mit der Gegenmobilisierung in Dresden
In dieser Analyse werden nur die Mikroblognachrichten unter aktivistischen Gesichtspunkten am 14.02.2009 von den Gegenaktivitäten berücksichtigt. Davor wurde recht viel auch über Mikroblogs und insbesondere über Twitter mobilisiert und nach den Demonstrationen gab es viele reflektierende Posts, insbesondere als die Naziübergriffe bekannt wurden.
Nazis nutzen derzeit die öffentliche Kommunikationsform des Mikrobloggens im Gegensatz zur Zivilgesellschaft nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es ist mir nur ein Nazimikroblog bekannt, welches als Linkschleuder dient, jedoch auch nicht mobil mikroblogt und nicht über nennenswertes Netzwerk verfügt.
Der Aggregator-Account @aktionsnews
Der Account @aktionsnews hat die ganze Zeit während der Gegenaktivitäten sowie davor und danach Nachrichten aus verschiedenen Quellen gesammelt und bei den Mikroblogging-Plattformen twitter.com und mikro.mensch.coop veröffentlicht. Dabei waren die Account-BetreiberInnen nicht vor Ort, sondern es wurden das Aktionsradio coloRadio aus Dresden, der WAP-Ticker von gehdenken, sowie verschiedene Mikroblogs ausgewertet und mit Angabe der Quelle weiterveröffentlicht. Zur Auswertung der Mikroblogs wurde die Mikroblogsuchmaschine Twingly benutzt und nach verschiedensten Schlagwörtern permanent durchsucht. Dabei war die Trefferquote recht hoch. Lediglich ein paar lokale Mikroblognachrichten sind nicht erfasst worden, da sie keine Tags/Schlagwörter verwendet hatten. Interessant ist, das der Account von mehreren Menschen betrieben wurde, die sich in Schichten aufgeteilt hatten und alle über keine Mikroblogging-Erfahrung verfügten, jedoch recht schnell mit dem Medium umgehen konnten.
Der Account wurde lediglich 2 Tage vor den Aktionen eingerichtet und wurde fast nicht beworben. Ebenfalls war er nicht auf Indymedia verlinkt wie z.B. der Mikroblog zum Castortransport @castor08. Deswegen waren die AbonnentInnenzahlen bis zum Schluss recht bescheiden, obwohl der Account wohl der aktuellste Ticker von den Gegenaktivitäten war.
Die Mikroblogging-AktivistInnen – das organisierte KorrenspondentInnennetz
Es gab in Dresden nicht mehrere koordinierte MikrobloggerInnen, sondern nur einzelne Aktive. Dabei waren auch nur ein Teil der Menschen, die dezidiert von den Aktionen bloggen wollten erfolgreich. Dazu zählt z.B. @demoscout und @copista, wobei @copista auch zu den lokalen MikrobloggerInnen gezählt werden kann. Der Account @dresden09, welche dem no_paserán-Spektrum zugeordnen ist, und einzig zur dortigen Berichterstattung eingerichtet wurde, sendete direkt von den Aktionen nur 2 Kurznachrichten, wobei die letzte Nachricht von Kesselung durch die Polizei die Rede ist. Es sind nicht die genauen Gründe klar, warum sie nicht mehr Nachrichten geschrieben haben, nur soviel, dass sie technisch dazu in der Lage waren mobil zu bloggen und auch an Aktionen beteiligt waren. Laut der Erfahrungen von @demoscout ist Mikroblogging recht zeitaufwendig. Vielleicht wurde dies von @dresden09 unterschätzt. So berichtet der Mikroblogger @aprosdokese, das mangelnde Erfahrung im mobilen Mikrobloggen, die relativ langen Zugriffs- und Schreibzeiten in Kombination mit dem stressigen Umfeld ihn vom Mikrobloggen abgehalten habe.
Außerdem ist waren mindestens zwei JournalistInnen @dermarcus71 und @rakeeede vor Ort, die auch mit 3G-Handys ausgestattet waren und auch sonst mikrobloggen. Da sie nur eine bzw. keine Kurznachricht veröffentlicht haben denke ich, dass sie dies wegen ihrer journalistischen Tätigkeit nicht nebenbei umfangreicher tun konnten.
Generell sehe ich Mikroblogging als ein eigenes medienaktivistischen Tätigkeitsfeld vergleichbar mit den AktivistInnenbild der VideoaktivistIn an. Nebenbei läuft aktionsmäßig nichts, sondern Konzentration ist gefragt. Dies kann dann jedoch recht produktiv sein, wie der Account @demoscout beweist. Ziel muss es sein vorher für (größere) Demonstrationen und Aktionen ein verbindliches Netz von Mikroblogging-AktivistInnen zu organisieren, wodurch die Informationssituation für die anderen AktivistInnen wesentlich verbessert werden kann. Wichtig ist hier nicht unbedingt eine große Anzahl von MikrobloggerInnen, sondern Zuverlässigkeit und sinnvolle Koordinierung, z.B. das alle nicht von nur einem Punkt berichten, sondern sie geografisch schlau verteilt sind!
Die lokalen MikrobloggerInnen – das ad-hoc KorrenspondentInnennetz
Lokale Mikroblogger sind eine Größe! Von den mindestens 11 aktiven Vor-Ort-MikrobloggerInnen sind acht lokale gewesen, wie z.B. @woody_b, @elbflorenz, @copista, @h34d, @hergest, @beanieboi und @DonGomez. Die meisten verwertbaren Informationen kamen jedoch von Mikroblogging-AktivistInnen, aber ein Teil der Mikroblogginginformationen im Aggregatoraccount @aktionsnews kamen auch von lokalen MikrobloggerInnen. Interessant ist das sieben der acht lokalen MikrobloggerInnen ein iPhone benutzen. Auch haben die lokalen MikrobloggerInnen viele Fotos gemacht, die zwar Atmosphäre vermittelten, aber an sich nicht brauchbare Aktionsinfos waren.
Interessant ist es, wenn lokalen MikrobloggerInnen mit den mit den beiden gegensätzlichen Theorieansätzen einerseits der “pothole theory of digital activism” von Erik Hersman, das Ortsbezogenheit der Schlüssel zu Crisis Reporting ist und anderseits Ethan Zuckerman’s “cute cat theory of digital activism”, wonach Verfügbarkeit als Schlüsselfaktor zu sehen ist, analysiert werden. So lassen sich beide Theorien auf die lokalen MikrobloggerInnen in Dresden anwenden. Ihre große Zahl deutet auf die große Bedeutung der Ortsbezogenheit hin und deckt sich mit der Theorie von Hersman. Gleichzeitig verwendeten die lokalen MikrobloggerInnen alle die Mainstream-Plattform twitter.com und nicht die eher aktivistische Plattform mikro.mensch.coop, was sich wiederum mit der „cute cat“-Theorie von Zuckerman und der Bedeutung der Verfügbarkeit deckt.
Insgesamt muss gesagt werden, das lokale MikrobloggerInnen eine interessante, aber auch begrenzte Zusatzquelle von Informationen für AktivistInnen darstellen, die es sich jedoch lohnt reflektiert zu nutzen.
Das mobile Web!
Das Mobile Web ist da! SMS hat keine Rolle beim Mikroblogging in Dresden gespielt. Viele Menschen verfügen schon über moderne 3G-Handys (mit Internetflat?) und nutzen das mobile Web intensiv. Von den mindestens 11 aktiven Vor-Ort-MikrobloggerInnen hatten 8 iPhone, einer ein HTC Touch Dual, ein Samsung SGH i600 und ein weiter nicht bestimmtes Handy. Dabei wäre es sinnvoll die SMS-Unterstützung auszubauen, um das Medium noch mehr Menschen zu öffnen. Gerade in Aktionssituationen ist das Push-Medium SMS Pull-Medien, wie das Besuchen eines Mikroblogging-Webinterfaces überlegen.
Interessant an der Entwicklung des mobilen Web ist auch die Möglichkeit Chatsysteme wie z.B. Jabber vom Handy aus zu nutzen, welche hervorragend mit der Mikroblogging-Software Laconica zusammenarbeiten können. Hieraus könnte ein leistungsfähiges und teilweise verschlüsselbares mobiles Informationsökosystem entstehen.
Perspektive
Generell haben haben Laconica-Mikroblogs bei der Berichterstattung in Dresden keine Rolle gespielt, bis auf die beiden Account @demoscout und @aktionsnews auf mikro.mensch.coop, welche jedoch sehr gut informiert waren und so wenigsten die wesentlichen Informationen der Laconica-Welt zur Verfügung gestellt haben. Dabei ist zu hoffen, das sich Laconica als aktivistischer Standard durchsetzen wird, wobei Crossposting mit Twitter hinsichtlich der Verbreitung immer noch Sinn machen wird.
Ich glaube wenn der Aktionsnews-Account auf Indymedia bekannt gewesen wäre, wären die AbonnentInnenzahlen noch viel höher gewesen wie z.B. beim Castortransport. Was die Aktualität angeht, war diese durch die Mischung aus WAP-Ticker, coloRadio und Mikroblogs sehr gut. Es wurde auch diesmal mehrmals auf Indymedia bemerkt, das der WAP-Ticker dieses Jahr nicht so einen hohen Gebrauchswert im Gegensatz zu den letzten Jahren hatte. Das Bündnis „geh denken“, welches dieses Jahr den WAP-Ticker organisiert hat, wurde auch verschiedenste Wege vorher angefragt ob, ob sie nicht Mikroblogs in ihre Aktionskommunikation integrieren möchten. Auch wurde ihnen Hilfe bei der Einrichtung usw. angeboten, was ignoriert wurde. Mag sein, das es zeitliche Gründe waren, warum sie nicht auf die Vorschläge eingegangen sind und es soll generell ihre wichtige Arbeit auch nicht schlecht gemacht werden, doch glaube ich, das es strategisch falsch war nicht Mikroblogs in die Aktionskommunikation zu integrieren. Auch haben sie ihren Twitter-Account mit über 430 AbonnentInnen überhaupt nicht für die Aktionskommunikation genutzt – ein total verschenktes Potential, auch aus pressetechnischer Sicht!
Abschließend möchte ich noch auf das interessante Potential von Mikroblogs für Selbstorganisation hinweisen, wenn zum Beispiel eine strategisch wichtige Kommunikationsstruktur „besetzt“ ist oder in spontanen Situationen wie Katastrophen gar keine Infostrukturen vorhanden sind, ermöglichen Mikroblogs eigene dezentrale Kommunikationsstrukturen aufzubauen. Bestenfalls erlauben Mikroblogs kleineren Spektren, Demonstrationen oder auch normalen BürgerInnen, die nicht so technisch versiert sind um z.B. einen WAP-Ticker zu betreiben, eigene mobile Kommunikationsstrukturen schnell bis ad-hoc-artig aufzubauen.
Tags: Antifaschismus, Dresden, mikroblogging soziale_Bewegungen
March 3rd, 2009 at 22:11
[...] Mithilfe dieser Software hat mensch.coop bereits seinen eigenen Microbloggingdienst unter http://mikro.mensch.coop/ eingerichtet, auf dem z.B. ausführlich über den Castortransport berichtet wurde. Außerdem gibt es noch eine aktuelle Analyse von Mikroblogging-Aktivitäten bei der Gegenmobilisierung zum Naziaufmarsch am 14.02.2009 in…. [...]
March 8th, 2009 at 18:25
Ich sehe den Nutzen des Mirco-Blogging (MB) primär in der Mobilisierung zu einem Event.
Das Live-Blogging (während des Events) befriedigt doch lediglich die Sensationslust derer, die den Arsch nicht hochgekriegt haben, um selbst dabei zu sein, es jetzt aber live mitverfolgen können.
Für eine echte Berichterstattung insb. bei Demos fehlt neben der Ruhe für durchdachte Statements die nötige Differenzierung und die Zusammenhänge. Damit verstärkt sich der Trend Senastions- und Panik-Gesellschaft.
Nicht ausgeleuchtet habt ihr das Potential des MB als Mittel zur Vor-Ort Kommunikation der Aktiven. Das fände ich spannend.
Gruss
Benno
March 10th, 2009 at 00:21
Moin Benno!
Vielleicht ist es Dir entgangen, aber der Sinn von Mikroblogging-AktivistInnen wie z.B. @demoscout ist es primär den Informationsstand für die Aktiven vor Ort zu verbessern. Erst in zweiter Linie geht es um eine Art Berichterstattung im journalistischen Sinne bzw. um das informieren von Außenstehenden. Dies finde ich jedoch auch nicht unwichtig und ich glaube auch das Live-Blogging von politischen “Events” keine Menschen davon abhält sich wirklich zu engagieren. Die Menschen, die sich engagieren wollen tun dies, egal ob es eine attraktive Live-Berichterstattung gibt oder nicht. Die anderen Menschen haben mit Live-Mikroblogging wenigsten die Möglichkeit an den Ereignissen im Geiste teilnehmen, und denken danach vielleicht ein bisschen anders darüber. Außerdem kann Live-Blogging die Aufmerksamkeit für gewisse Themen erhöhen, wobei dieser Effekt jedoch nicht überbewertet werden sollte. Und da gibt es natürlich auch noch die AktivistInnen, die mit dem Herzen dabei aber verhindert sind und nun teilhaben können, was auch motivieren kann.
Außerdem können Mikroblogs in geringer Zahl trotzdem dazu beitragen die gesamte Informationslage zu verbessern wie z.B. bei Castortransport 2008 und ihre Informationen können in anderen Medien weiterverarbeitet werden wie z.B. in WAP-Tickern oder Radiosendungen. Gleichzeitig sind Mikroblogs manchmal für AktivistInnenkommunikation auch nicht immer gut geeignet, da Mikroblogging im Kern eine öffentliche Kommunikation darstellt und nicht alle Aktionskommunikation ist für die Öffentlichkeit bestimmt bzw. ist dafür relevant. Dafür eignet sich glaube ich vielmehr Jabber!
Derzeit ist eine Grenze für die AktivistInnen-Kommunikation die geringe Verbreitung von Mikroblogs unter AktivistInnen. Diese Anzahl steigt jedoch
Schöne Gruß
Timo